Das unentdeckte Land

Es ist so viel passiert im letzten halben Jahr, und vor allem haben sich die Verhältnisse ständig so schnell verändert, daß ich gar nicht daran denken konnte, hier etwas davon zu berichten.

Vor allem in den letzten Wochen haben wir hier einen intensiven Crashkurs in Katastrophentraining absolviert, und vielleicht gelingt es mir, durch Schreiben meinen großen, inneren Verarbeitungsrückstand etwas aufzuholen.

Am Besten zähle ich mal auf…..

  • Seit dem Winter häusliche Situation immer schwieriger, Zustand der Eltern kontinuierlich gebrechlicher, verwirrter, Haushalt ohne meine Hilfe chaotisch
  • Eigenes Befinden immer schlechter, da immer mehr gefordert, Doppelbelastung, dabei große Gesundheitsprobleme.
  • Eigener Job wegrationalisiert (Mai) ((GottseiDank!))
  • Eigene große seelische und körperliche Vollkrise (Juni). Erschöpfungszustand. Immunsystem im Keller. Permanente Darmprobleme (wie in den letzten 8 Jahren, nur noch schlimmer). Endlich Diagnose: Der Virus, den ich mir vor 8 Jahren von einer mallorquinischen Paella geholt habe, war nie richtig ausgeheilt. 1 Monat krank Zuhause (trotzdem Eltern versorgt). 3 Wochen Katzenkrallentee getrunken (Bahhhh!), 4 Wochen No-Carb gegessen (Mageres Fleisch und Rohkost.Punkt). Mehrere Tagebücher vollgeschrieben, und meine gesamte Vergangenheit aufgeräumt, alte Muster aufgelöst, und nach und nach meine ganze Wohnung durchsortiert. Durch Therapie, Yoga, Erdung, Entspannung, Bewegung, Meditation und Musik wieder einigermaßen die Füsse auf den Boden gekriegt, was gutes Timing war, denn…..
  • (Das Folgende alles EndeJuli/Anfang August) Mamas Zustand plötzlich schlechter . Stürze, Schwindel, Verwirrung, große Schwäche
  • 2x einen Arzt ins Haus gerufen. „Ach das ist nur hoher Blutdruck…“
  • MRT beweist, daß sie einen Schlaganfall hatte. Irreparable Schäden. Krankenhaus. Soll danach ins sofort ins Pflegeheim, wegen Weglauftendenz und Sturzgefahr.
  • Krankenhaus will sie rausschmeissen. Also Kurzzeitpflege organisieren (fragt lieber nicht…..)
  • 2x am Tag im Wechsel mit Bruder und Freundin allein oder mit zutiefst verstörtem Vater ins KH, später ins Pflegeheim.
  • Den Vater Zuhause versorgt, den gesamten Haushalt erledigt, endlose Katastrophensitzungen im Kreise der Restfamilie. Entschluss, die Mutter wieder heimzuholen und eine 24 Stundenbetreuung zu organisieren. Unsere gesamtes Wendeltreppengeländer mit Treppenschutzgittern versehen (4). Mein Wohnzimmer komplett ausräumen, damit ein Zimmer frei wird. (Es ist erstaunlich, daß ich es geschafft habe, alles (ausser meinem Klavier und der Glotze) irgendwie in mein kleines Schlafzimmer zu packen, und es trotzdem sehr gemütlich und ordentlich geworden ist.
  • Alles innerhalb von 3 Tagen hingekriegt.
  • Pflegekraft ausgesucht, fehlt nur noch Vaters Unterschrift.
  • Vater kneift. Ein schwerer Prozess für ihn, zu akzeptieren, daß es nicht mehr genauso sein kann, wie es mal war. Älterer Bruder angereist, mehr Katastrophensitzungen, schwierige Beschlüsse (Vater weitgehendst alleine lassen).  Dauert nochmal 3 Tage, bis er begreift, daß er und auch seine Kinder am Ende sind.
  • Gestern Abend: Vater stimmt zu.

Schon klar, daß es jetzt erst noch mal richtig schwierig wird, Mutter wehrt sich vehement gegen zusätzliche Person im Haus. (Wenn sie gerade mal weiß, daß sie Zuhause ist).

Jetzt bin ich zwar wirklich sehr erschöpft, habe aber die 2 letzten Wochen funktioniert wie ein Roboter. Im Notfall bin ich da.

Etwas sehr Wichtiges habe ich in dieser ganzen Zeit auch gelernt: Ich muss aus dem Haus ausziehen! Brauche einen Stützpunkt und eine Kraftquelle ausserhalb. Nach 1 1/2 Jahren hier im Haus mit meinen Eltern muss ich mir selbst eingestehen, daß ich mir ein Leben ausserhalb wünsche, arbeiten möchte, und meine Lebensideen umsetzen will.

So, Leute, soviel zu meinen Neuigkeiten.

Gestern Abend, nach der befreienden Nachricht, hatte ich auf einmal das Gefühl, aus einem dunklen, engen Tunnel in einen hellen, weiten Raum zu kommen.

Das ist meine Zukunft – Das unendeckte Land.

Bis bald, liebe Freunde

 

 

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Ein Jahr

Jetzt, da ich endlich Urlaub habe, kann ich mal wieder was schreiben. Der letzte richtige Urlaub war im Sommer, dementsprechend durch bin ich im Moment. Ich kann es noch gar nicht richtig fassen, daß ich nun 2 volle Wochen frei habe, und nicht jeden Tag 5-6 Stunden stillsitzen muss, um meine Arbeit zu tun. Im letzten Monat habe ich ca. 2000 Steine bemalt. Und in den Monaten davor. (Davor war es weniger, aber ich bin schneller geworden.) Das Malen selbst macht mir Freude, aber mein Rücken hat sich in den letzten Wochen sehr beschwert und es wird Zeit, daß ich endlich mal auf ihn höre und ihm mehr Bewegung und Ausgleich schenke.

Vor 1 Jahr hatte ich auch Urlaub, den ich jedoch fast komplett für meinen Umzug verwendete. Wenn ich jetzt daran denke, könnte ich vor Erschöpfung sofort wieder umfallen, und ich bin wirklich froh, daß ich dieses Jahr „nur“ meine Wohnung für die an Weihnachten hereinbrechende Familie aufräumen muss.

1 ganzes Jahr bin ich nun schon hier, und es war eines der schwierigsten, angefülltesten und bahnbrechendsten Jahre meines Lebens.

So viel ist passiert, daß ich sagen kann, mein Leben hat sich fast komplett verändert. Nicht unbedingt äusserlich, ausser, daß sich meine Wohnung ein bißchen gefüllt hat (was es schwieriger macht, sie aufzuräumen), mehr Bilder an der Wand hängen und ich seit 2 Monaten endlich eine richtige Wand und eine Tür zwischen mir und dem Rest des Hauses bekommen habe, was eine unglaubliche Verbesserung meiner Lebensqualität darstellt.

Ich hab noch ein bißchen mehr abgenommen, da ich weiterhin ganz stur Kohlenhydrate vermeide, ein paar Müskelchen dazubekommen, und bin wieder etwas gelenkiger geworden, weil ich Yoga mag.

Die wirklich großen Veränderungen sind alle in meinem Inneren passiert.

Völlig unvorbereitet bekam ich Zugang zu neuen Energiequellen in mir, tiefe und alles verändernde Einsichten über meine Vergangenheit, und was die mit mir und aus mir gemacht hat, und die Möglichkeit richtig uralte olle, doofe Kamellen aufzulösen.

Das wiederum hilft mir ganz ungemein bei meiner derzeitigen Aufgabe, und ich kann sagen, daß wir (meine Eltern und ich) uns richtig gut aufeinander eingestellt haben. Auch wenn es immer mal schwere Tage gibt, so sind sie, im Vergleich zu den ersten Monaten hier, seltener geworden, und das ist wirklich ein großes Glück. Es ist was sehr Schönes, zu wissen, daß man der gute Geist eines Hauses ist, viele Möglichkeiten hat, was Gutes zu tun und zu helfen, aber für mich auch sehr Beruhigend und Wichtig, von MIR zu wissen, daß ich Grenzen habe, die ich auch artikulieren kann, und mir auch genug Freiraum nehmen kann, um mich selbst zu nähren und zu regenerieren (Obwohl ich jetzt gerade etwas im Rückstand bin, aber ich habe ja Urlaub, Juchu!) Viel Liebe und Humor sind in dieses Haus eingezogen, aber auch Leben und Leben lassen, und wir sind die lebendige WG, wie ich sie mir gewünscht hatte, mit viel mehr guten als schlechten Tagen.

Für dieses Jetzt bin ich sehr dankbar. In den letzten Wochen habe ich eine Freundin begleitet, deren Mutter im Sterben lag, und es war eine Chance, mich auch im Zusammenhang mit dem, was schließlich auf mich zukommen wird, auseinanderzusetzen.  Manchmal ist es noch schwer, die Unvorhersagbarkeit und Härte dieses Weges ertragen zu können, aber diese Momente werden seltener, da ich für mich klargemacht habe, daß es der Weg ist, den ich gehen werde.

Weihnachten lasse ich jetzt mal entspannt auf mich zukommen, habe ich beschlossen. Da die nicht immer einfache Familienkonstellation in diesen Tagen nach langer Zeit mal wieder zusammenkommt, und man dieses Mal eine Mutter mit stark geschwundener Erinnerung und extrem empfindlichem Gemüt unter sich hat (was einigen einfach noch nicht wirklich klar ist), glaubte ich zuerst, ich müsse das alles organisieren, irgendwie managen, damit es keine größeren Probleme gibt. Zum Glück habe ich aber inzwischen begriffen, daß ich das gar nicht kann, und wahrscheinlich eher noch von irgendwem eins auf den Deckel bekommen würde. Also werde ich mein Teil hier im Haus tun, wie immer, werde das erste Mal in meinem Leben ein Gänsebrustessen machen, mit Mama unseren gusseisernen Weihnachtsbaum schmücken, das Kaminfeuer schüren, aber ich werde mich nirgendwo einmischen, oder irgendwem irgendwas vorhalten, sondern versuchen, einfach Spaß zu haben.

Sind ja schließlich Ferien. 🙂

 

 

 

 

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Status

Ich habe schon so lange nichts geschrieben. Nicht, daß hier nichts passieren würde, es geht wie immer auf und ab, und es gab auch ein paar kleinere Katastrophen, aber im Großen und Ganzen kann ich zufrieden sein, denn es ist nichts wirklich Schlimmes. Vielleicht haben wir aus den vergangenen Situationen etwas gelernt, und schaffen es gerade, einen gewissen Status Quo aufrechtzuerhalten.

Was wir gelernt haben ist, daß Reisen für und mit meiner Mutter nicht mehr möglich ist. Die vor ein paar Wochen geplante Reise ins Allgäu brachte sie völlig aus dem Häuschen. Eine ganze Woche zuvor hat sie Koffer ein – und wieder ausgepackt, (das war bei den früheren Reisen immer ihr Job gewesen) und damit meinen Vater an den Rand des Ausflippens gebracht, und sich selbst an den Rand der Erschöpfung. Jeden Tag war sie dann ein bißchen früher müde und knatschig und verwirrt, und hatte kurz vor der Abreise ihren Ausweis so verlegt, daß sie die Reise schließlich abbrachen. Für meinen Vater war das eine bittere Pille, gerade ihm hätte mal ein bißchen Abwechslung gut getan. Sie brauchten 1 Woche, um sich von allem wieder zu erholen und wieder in ihren stressfreien Alltag zu gelangen.

Ein bißchen schwierig ist auch die Umstellung von Sommer auf Herbst. In den letzten Monaten war meine Mutter jeden Tag in ihrem kleinen Garten, hat Blumen gegossen und Unkraut gezupft, wie sie das immer getan hat. Andererseits habe ich auch das Gefühl, daß sie froh ist, etwas weniger Arbeit zu haben, und hat sogar eingewilligt, eine Putzhilfe ins Haus zu holen. Immer öfter vergisst sie, daß sie Wäsche in der Maschine hat und ist dann ganz erleichtert, wenn ich das übernehme. Was sie immer noch, und scheinbar nun wieder mit mehr Freude schafft, ist, zu kochen.

Das Väterchen quält sich in letzter Zeit sehr mit Schmerzen (seine alten Knochen, wie er sagt), aber da es mit meiner Mutter in der letzten Zeit wieder gut läuft und sie sehr eng und liebevoll mit einander umgehen, ist seine Stimmung auch soweit gut. Ich nehme ihm inzwischen viele Wege ab.

Mir selbst geht es, abgesehen von einer gerade ausheilenden Grippe, ganz gut. Ich habe meine Ernährungsumstellung beibehalten, und abgesehen davon, daß mir keine Hose mehr passt, hat sich das nur positiv ausgewirkt: Ich habe sehr viel mehr Energie, praktisch keine Bauchprobleme mehr, und habe extrem entgiftet.

Was ich merke ist, daß ich öfter eine Auszeit brauche, und es mir guttut, auch mal ein Wochenende wegzufahren, wofür ich zum Glück auch die Möglichkeit habe.

Kaum zu glauben, daß es schon 1 Jahr her ist, seit mich mein Vater gebeten hat, zu ihnen zu ziehen.

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Viel Positives

In der letzten Zeit habe ich meistens von den schweren Zeiten berichtet, ich möchte jedoch auch einmal von den schönen Dingen in meinem Leben mit meinen Eltern erzählen.

Auch wenn man bei einer Demenz davon ausgehen muss, daß sie sich kontinuierlich verschlechtern wird, haben wir gerade alle hier eine sehr gute Zeit zusammen. Vielleicht spielt auch ein bißchen mit, daß wir uns alle sehr gut aufeinander eingestellt haben in den letzten 8 Monaten, seit ich hier lebe. Die Versuche, stressige Situationen für meine Mutter zu minimieren scheinen ihre „Anfälle“ ein wenig runtergeschraubt zu haben. Da auch mein Vater etwas gelassener geworden ist, haben wir jetzt seit fast 2 Wochen richtig viel Spaß. In meiner Familie lebt ein wunderbarer Humor, und wir haben schon immer viel gelacht und geblödelt. Diese Art der Familienkommunikation war in den letzten Monaten eher sporadisch, und leider herrschte viel öfter eine Art hilfloser Trauer, doch in der letzten Zeit ist das Lachen wieder ins Haus gezogen.

Ein strukturierter Tag mit vielen kleinen Ritualen und netten Überraschungen, viel Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten, gutem Essen, und ab und zu mal Einkaufen, ins Restaurant und Gäste zum Kaffee, das ist scheinbar eine gute Kombination, die meinen Eltern wohltut.

Inzwischen ist mein Alltagsleben mit dem Leben meiner Eltern für beide Seiten günstig verpuzzelt. Ich lebe in meiner Dachwohnung im Prinzip komplett selbstständig, koche da auch, kann mich sehr gut zurückziehen, meiner Arbeit nachgehen und alle meine Dinge tun, die ich so tue. Inzwischen haben sich ca 4 Uhrzeiten eingependelt, zu denen ich meine Eltern „besuche“, ein bißchen mit ihnen plaudere (auch einzeln), gegebenenfalls bei irgendwas helfe, oder einfach mal nach ihnen gucke. Auch das scheint ihnen gutzutun, denn mir fällt immer mehr auf, daß sie ein großes Sicherheitsbedürfnis haben und nicht zu lange ganz allein sein wollen. Da 2 Häuser weiter ein weiteres Familienmitglied wohnt, kann ich natürlich auch mal für längere Zeit weggehen, auch mal über Nacht, was für mich sehr wichtig ist.

Mir ist immer bewusst, daß es in jedem Moment anders sein kann, aber ich finde es wirklich beglückend, daß ich die Möglichkeit habe, mit meinen Eltern noch einmal so eine wunderbare Zeit zu verleben.

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Das graue Zimmer

Depressionen waren/sind in meiner Familie immer ein großes (Tabu)-Thema gewesen. Diese und psychosomatische Störungen wie Angst/Panik, Herzbeschwerden und Migräne zeigten sich vorwiegend im weiblichen Teil der väterlichen Linie. Allerdings war ich die erste (und bis auf eine Zweite, die auch mal, nach einer Krise in einer Psychosomatik war) die einzige Person in der Familie, die das Ganze mittels Therapien über Jahrzehnte bearbeitet hat. Für manche wurde ich dadurch zu ihrem „blinden Fleck“, da ich auf Dinge hinwies, oder sie lebte, die sie nicht sehen wollten/konnten, was leider auch Abwehr hervorrief und immer noch ruft, die sich jahrelang aufgebaut hat.

Ich bin nur froh, daß ich meine Depressionen (ich nannte sie immer Das Graue Zimmer) im Laufe der Jahre umwandeln konnte, zurück zu den verlorenen, unterdrückten Gefühlen, die ich nie zu fühlen wagte. Ein langer Weg, den ich immer noch gehe, und letztlich bin ich glücklich, was ich daraus lernen konnte (Und daß ich es überlebt habe…).

Nun hat meine Mama ihr eigenes graues Zimmer. Immer öfter in den letzten Monaten, und vor allem in den letzten Wochen ist ihr Gesicht schon am morgen so ernst, als hätte sie nie Glück gekannt. Leider hat sie, obwohl sie es sicher noch nötiger gehabt hätte als ich, niemals Hilfen von Aussen (schon gar nix mit Psycho) wahrgenommen, denn sie hat es strikt abgelehnt, irgendetwas aus ihrem Leben noch mal anzuschauen und hat mich wegen meinen ersten Therapien ein Jahr lang nicht sehen wollen. (Leider ein schlimmes Kindheits-Trauma als Hintergrund). Sie verlagert es nach Aussen und projiziert es auf meinen Vater, denn sie hat niemals gelernt, die verlorenen, unterdrückten Gefühle anzuschauen, und die Angst vor ihnen zu verlieren und hat kein Bewusstsein dafür, was mit ihr geschieht, woran die Demenz ihr übriges tut.

Die Schwere und Trauer weht durchs Haus, und es ist kaum zu glauben, daß wir vor einer Woche noch so herzlich miteinander gelacht haben.

Natürlich erinnere ich mich an meine Depressionen, und kann zumindest zum Teil verstehen, wie Scheisse sich meine Mutter fühlen muss, und es tut mir in der Seele weh, daß ich ihr so wenig helfen kann in diesen Momenten, wenn alles grau ist. Natürlich muss ich mich selbst gerade gut schützen, und muss schon aufpassen, daß ich nicht in diesen traurigen Sog hineingerate. Zum Glück erinnere ich mich auch an meine Therapien und all die hilfreichen Dinge, mit denen ich mittlerweile immer wieder mein Gleichgewicht finden kann.

Mein Vater scheint sehr langsam zu beginnen, die neue Realität zu begreifen, trotzdem leidet auch er sehr, wenn meine Mutter von Scheidung redet, und daß sie ins Altersheim will und dann um 17 Uhr ins Bett geht. Und daß sie am nächsten Tag wieder allerliebst und klar erscheinen kann. Er scheint sich etwas besser an das Wechselbad zu „gewöhnen“, etwas leichter „umswitchen“ zu können. Und er sieht alles immer realistischer, und ist inzwischen auch bereit, sich mit mir zusammen nach Hilfe umzusehen.

Das ist gut so, denn irgendwie verändert es sich gerade immer gravierender und auch schneller, und damit können wir bald nicht mehr allein mit ihr bleiben.

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Zurück im Schaukelschiff

So was wie einen richtigen Alltag gibt es hier nicht. Höchstens vage gekennzeichnet durch den Rahmen „Arbeitswoche“ oder „Wochenende“ schwanken wir hier, mal sehr fröhlich, mal sehr schwer und schmerzlich durch die Tage.

Gestern war es ein guter Tag, der Geburtstag meiner Mutter. Das Telefon läutete den ganzen Tag, und während sie mit alten Freunden und Bekannten telefonierte, zauberten mein Vater und ich eine schöne Kaffeetafel mit Blumen und Kuchen und allem was dazugehört, und die großen Augen meiner Mutter, als sie den fertig gedeckten Tisch sah, ist nur eine der vielen, schönen Erinnerungen an einen gelungenen Tag.

Das mittägliche Essen im Restaurant und den Nachmittagskaffee verbrachten wir mit den ältesten Freunden meiner Eltern, und vor allem beim Kaffee wurde richtig viel gelacht, bis hin zu Tränen in den Augen und wehem Bauch, und das hatten wir hier schon lange nicht mehr, und hat allen unendlich gut getan.

Dennoch, es ist ein unheimlich schmaler Grat, auf dem wir wandern, ein bißchen zuviel Input, und sei es auch ein Schöner, ist für sie schon sehr anstrengend und bringt sie leicht zum Kippen in ihre dunkle Stimmung, und andere Familienmitglieder, die heute kommen wollten, mussten wieder ausgeladen werden.

Eine ziemlich unangenehme Seite meiner Mutter kommt jetzt öfter ans Licht. Auch früher schon hatte sie diesen Zug, nach Außen hin immer lieb und nett zu Jedermann zu sein, jegliche Konflikte zu scheuen und  nie wirklich offen zu sagen, was sie denkt. All das, was sie früher dabei unterdrückt hat, kommt jetzt, wenn sie ihre Stimmungen hat, heraus, und es sind keine Nettigkeiten mehr, der Sohn wird als Dieb bezeichnet, die Freundin des Enkels als „Fette“, der Enkel will nur Geld, etc.

Das ist manchmal sehr schmerzlich, vor allem für meinen Vater, der ein wohlwollender, toleranter Mensch ist, jedoch keinen Widerspruch und keine Diskussion mehr wagt, da er die Auswirkungen am direktesten im täglichen Zusammensein abkriegt und sehr darunter leidet. Mir, als scheinbare Diplomatin der Familie, obliegt es, die Betreffenden zu beschwichtigen (schon an Weihnachten wollte sie niemanden im Haus haben) und zu erklären, und Stress von meinen Eltern fernzuhalten, was mir auch nicht immer gelingt, und was mich nach und nach in eine Rolle bringt, die mir etwas unangenehm ist, denn ich bin nun immer „das liebe Kind“, (meine Mutter hat mich gestern ca. 5x gedrückt und mir gesagt, daß sie so froh ist, daß ich da bin), und das erweckt bei anderen Familienmitgliedern leider negative Gefühle mir gegenüber, was mich traurig macht. Dabei bin ich halt einfach vor Ort, nahe dran, versuche, zu tun, was getan werden muss, und hätte eigentlich gar nichts gegen ein bißchen mehr Unterstützung.

Ich bin aber bei Allem froh, daß ich, nach dem intensiven Urlaub, mit mir selber gut bin und es mir viel besser gelingt, meinen Freiraum zu leben, und auch, nach einigen sehr schmerzhaften und erkenntnissreichen Tagen letzte Woche, einiges von dem, was gut wäre, aber nicht IST, loszulassen und meinen eigenen Weg zu suchen.

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Früchte der Ruhe

Ich hatte großes Glück mit meinem Urlaub. Trotz vieler Aktivitäten und vieler Sozialkontakte fand ich extrem viele Ruhepunkte und hatte Zeit, mal richtig nachzudenken. Sonst laufe ich dem Nachdenken oft unbewusst davon, indem ich ständig irgendwas mit meinen Händen tue, im Urlaub habe ich aber, da ich meine Gelenke auskurieren wollte, wenig gemacht außer Schreiben und das hat mir im Kopf und im Herz einiges an Klarheit gebracht.

Hier mal ein paar Punkte von den Sachen, die bei mir angekommen sind:

– Im Umgang mit Anderen, vor allem bei Konflikten, ist das Wichtigste Klarheit und Liebe.

– Es gibt einen großen Unterschied zwischen Sentimentalität und Trauer.

– Ich muss meinen Input kontrollieren. Ebenso muss ich immer sehr darauf achten, mir genug Raum für die Verarbeitung aller Eindrücke zu geben und mir Zeiten einräumen, in denen ich dem nachgeben darf, was ich gerade fühle, und so wenig äusseren Zwang nachgeben sollte wie möglich. Keine Schuldgefühle, wenn ich nicht so kann oder will, wie andere! (Für mich als hochsensible Person lebensnotwendig)

– Wenn ich meine Erschöpfung wegen Überreizung schon nicht mehr spüren kann, dann hilft mir die Betrachtung meiner (dann oft negativen) Gedanken, um wieder Kontakt zu mir zu finden. (Diese Instanz kannte ich früher nicht, und nahm immer allzu ernst, was ich dann dachte)

Die Rückkehr in mein Leben verlief, trotz des „Kulturschocks“ einigermaßen sanft, die Situation ist relativ entspannt und auch gesundheitlich geht es wieder ein wenig mehr bergauf, nicht zuletzt auf Grund meiner umgestellten Ernährung.

Also alles in grünen Tüchern (wie mein Vater zu sagen pflegt).

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