Bipolare Störung – Erfahrungsbericht

Gefühlt habe ich schon immer, daß ich nicht im Gleichgewicht bin. Daß ich immer zwischen Extremen hin-und herschwanke. Ich dachte, es liegt an meinem Sternzeichen Zwilling. Als ich vor vielen Jahren die Diagnose Depression und Angsterkrankung bekam, wunderte ich mich, daß ich in einer tiefen Depression sein konnte, und am nächsten Tag ging es mir supergut, war die Welt mehr als in Ordnung. Ich dachte, ich mache irgendwas falsch.

Es gibt 2 übergeordnete Formen der Störung (I und II). Bei der ersten kann man lange, teils monatelang anhaltende schwere Depressionen haben, dann monatelang eine manische Phase, in der sich manche durch unverhältnismäßige Geldausgaben und extremes Verhalten in große Schwierigkeiten bringen können.

Die Form, die ich erwischt habe (II), heisst Rapid Cycling, d.h, die Phasen der Depression und der sog. Hypomanie wechseln schnell (bei mir im Schnitt in 4 Tagen), und es treten Mischstimmungen auf (z.B. Depression und Panik gleichzeitig), die sehr unangenehm sind. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Nimmt man eine Skala von 0 bis 10, dann ist bei einem gesunden Menschen die Stimmung zwischen 3 und 7 angesiedelt. Es gibt mal sehr schlechte Laune oder sehr gute Laune, aber im Großen und Ganzen bleibt die Stimmung stabil. Bei mir ist es entweder unter 3 oder über 7. Früher nahm ich meine hypomanen Phasen so wahr, daß ich dachte, so müsste das Leben immer sein. Das geht Vielen so. Die „Hoch“-Phasen werden oft als sehr angenehm empfunden, als „Normalität“. Ich hatte gute Laune, Lust auf Party, die Leute sagten, ich würde strahlen. Wenn ich „nur“ ruhig und ausgeglichen war, fühlte sich das für mich schon fast wieder wie eine Depression an. Dummerweise neigte ich dazu, meine Hoch-Phasen z.B. mit Alkohol zu verstärken. Ich merkte dann nicht, wenn ich müde war, konnte kaum stillsitzen, schlief zu wenig, überschätzte ständig meine Energie, und auf diese Weise habe ich mich bisher 3x in einen Burn-Out manövriert. Das begriff ich aber erst, als ich die Diagnose bekam. Da hatte ich schon jahrzehntelang dieses ständige Auf-und Ab gelebt. In Extremsituationen sind die Phasen sehr ausgeprägt, und vor allem die Depressionen sind sehr unangenehm. Bin immer wieder aus dem Arbeitsleben rausgefallen, weil ich am Anfang mit Vollgas losgelegt habe, das hohe Tempo aber nie lange durchgehalten habe, dann oft krank wurde, und letztlich den Job abbrechen musste, oder mir gekündigt wurde. Die ganze Zeit hatte ich Schuldgefühle, verglich mich mit anderen Menschen, die das Arbeitsleben aushielten, und musste mir auch eine Menge Scheiss anhören.

Inzwischen bekomme ich Medikamente, gegen die Depression und gegen die Hypomanie. Eigentlich mag ich es überhaupt nicht, regelmäßig Medikamente einnehmen zu müssen, schon gar nicht Psychopharmaka. Es war auch ein steiniger Weg, die Richtigen zu finden, und sie richtig zu dosieren. Wenn ich jetzt aber zurückblicke, wie es „ohne war“, so würde ich nicht dahin zurückwollen. Es war anstrengend und aufreibend mit den Schwankungen. Ich konnte mich nie auf meine Stimmung verlassen, zog mich extrem zurück, wenn die Depressionen da waren, verausgabte mich völlig in den Hochphasen. Dazwischen gab es nichts. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an die Art Gleichgewicht, die die Medikamente generieren, gewöhnt hatte, denn es fühlte sich für mich immer noch mehr gedrückt an, als ausgeglichen. Woran ich selbst viel gearbeitet habe, ist die Fürsorge für mich selbst. Ich lerne langsam, nicht mehr so streng mit mir zu sein. Ich sorge für viele Pausen (habe im Moment auch die Krankschreibung akzeptiert als Chance, mich zu regenerieren, denn ich spüre immer noch die Nachwehen des Burnout). Ich füttere mich regelmäßig, und sehe zu, daß ich viel schlafe. Ich habe lange bestehende, schwierige Situationen aufgelöst und arbeite mit meinem inneren Kind.

Insgesamt bin ich inzwischen froh, die Diagnose bekommen zu haben, denn dadurch kann ich an mir arbeiten und verstehe mich selbst einfach besser. Trotz der Medikamente bin ich noch immer Ich, und ich muss mich auch nicht mehr schämen für das, was ich bin.

So ist das!

 

 

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14 Antworten zu Bipolare Störung – Erfahrungsbericht

  1. The One schreibt:

    Endlich – jeden Tag schaue ich hier rein und warte auf ein Zeichen – nachdem ich so vieles schon abgearbeitet habe, kann ich klugscheissend sagen: Du bist auf dem richtigen Weg.
    Ich gäbe dir gerne etwas von meiner Selbstzufriedenheit, doch du wirst das selber noch ganz toll hinbekommen und auch dort ankommen, gib dir Zeit.
    Medis sind übrigens nicht böse, auch wenn man gerne sehr natürlich lebt. Wenn irgendein Austausch von Stoffen nicht funktioniert, muss man dem halt helfen. Ich nehme mittlerweile seit 18 Jahren ADs (und vieles anderes) und es ist mir wurscht, Hauptsache keine Abstürze. Wenn einer kein Bein hat, nimmt man ihm auch nicht die Prothese weg und schickt ihn auf einen Marathon.

    Ich freue mich, bald wieder mehr von dir zu hören – doch das Wichtigste ist man immer selber. Ich habe das mittlerweile recht gut drauf, da ich immer ewig lange Erholung von Socializing (das ich doch so sehr lieben würde) brauche.

  2. zwillingswelt schreibt:

    Hallo Liebe! Es bedeutet mir viel, was Du schreibst. Allein das Wegfallen der Schuldgefühle ist eine Offenbarung gewesen. Und auch wenn viele wegen der Medis mit Unverständnis reagieren, gerade wenn ich merke, daß unter der Oberfläche eine komische Stimmung zusammenbrauen will, bin ich froh, daß ich diesen Puffer habe. Mit dem Socializing geht es mir ja ähnlich, ich merke aber, daß ich mehr davon vertragen kann, wenn ich gut für mich sorge, und so bin ich auch weniger einsam als früher. Ganz liebe Grüße!!!!!

    • The One schreibt:

      Das kann ich so gut nachvollziehen.
      Es ist schnuppe wie andere reagieren, sie müssen ja nicht mit und unter diesen Umständen leben.
      Bei mir ist es so, dass ich eigentlich eine Partynudel bin und wenn ich nicht arbeite und keine Beziehung habe, geht das gut. Jetzt muss ich die Anlässe sehr gezielt auswählen. Einsam fühlte ich mich viel mehr zu Zeiten als ich nicht alleine war als all die Jahre, wo ich tun und lassen konnte was ich wollte – ich und die Katze *GG*
      Alles Liebe zurück!

  3. zwillingswelt schreibt:

    Ja, so geht es mir auch. Muss mir meine Kraft einteilen und mir hinterher viel Verarbeitungszeit lassen. Energie hat Vorrang! 🙂

  4. buddisse schreibt:

    Huhu Liebe, wie geht es dir?

    Dein letzter Eintrag hier ist ja auch schon wieder lange her…

    Vermutlich hast du bei Facebook was geschrieben, aber das mag ich immer noch nicht.

    Ich hatte mich Ende 2017 dann trotzdem dazu durchgerungen dort mit neuem Konto wieder anzumelden – den alten will ich aus Gründen nicht mehr verwenden… – um mit euch in Kontakt zu bleiben… und kurz darauf war mein neuer Account da dann auch schon gesperrt, ohne Angabe von Gründen und bevor ich mich überhaupt bei euch melden konnte :-(.

    Darum muss ich jetzt hier fragen, wie es dir geht und was es neues bei dir gibt.

    Liebe Grüße

    K

    (Ich hoffe es ist klar, wer ich bin ;-)…)

  5. zwillingswelt schreibt:

    Hallo Liebe, ja ich glaube, ich weiß, wer Du bist. Lieb, daß Du Dich meldest. Ich denke oft daran, was zu schreiben, aber ich bin so gefangen in meinem Zirkus hier, daß nur Gejammer rauskäme. Noch immer geht es sehr auf und ab bei mir, bin noch nicht richtig eingestellt, und auch sonst geht es nicht gut mit den Umständen. Aber ich lebe noch und mache einfach weiter jeden Tag. Irgendwann wird es auch wieder besser werden, das hoffe ich einfach sehr. Ich hoffe, es geht Dir gut!!!!

    • buddisse schreibt:

      Mir geht es soweit ganz ok, abgesehen von dem üblichen alltäglichen Schei…benkleister und dem auf und ab der Gefühle.

      Ich will mich auch bald wieder neu bei Facebook anmelden um bei euch mitzulesen, hab mich nur bisher nicht getraut, weil ich fürchte gleich wieder gesperrt zu werden 😦 .
      Also falls du eine Anfrage bekommst…
      Kann aber noch etwas dauern. Bin abends nach der Arbeit meistens zu müde um noch viel anzufangen.

      Auch wenn du nicht so wirklich schreiben magst – ich kenne das, mag auch nicht immer nur negative Sachen schreiben, aber oft ist das halt grade leider auf der Tagesordnung… – trotzdem die Frage:

      Wie sieht es aus mit wohnen, Arbeit und Familie bei dir?
      Brauchst nichts dazu schreiben, wenn dir nicht danach zumute ist.

      • The One schreibt:

        Hallo ihr Zwei 😀

        Ich bin grad für 11 Tage in Lugano – Auszeit, weil Erschöpfungsdepression. Habe via airbnb eine nette Frau gefunden, die ein Zimmer vermietet und ich habe vor, mich hier einzuigeln.

        Am 19. fahre ich zurück und hoffe, es hat geholfen.

        Schreiben hat mir immer geholfen um es „auszukotzen“ – selbst, wenn du nur für dich schreibst – so als Input.

        Ich wünsche euch beiden, viel Mut und Kraft für alles was da noch kommt. Ich habe auch wieder etwas fleissiger gebloggt, da mytagebuch.de geschlossen wurde und einige, die ich dort gelesen habe, nun bei WordPress sind.

        Der Hauskater liegt bereits bei mir im Bett *lach*

        Passt auf euch auf und denkt dran: Ihr kommt immer zuerst ❤

  6. zwillingswelt schreibt:

    Im Fb zeige ich mich etwas öfter, aber meist poste ich nur ein Foto als Lebenszeichen.
    Mache gerade eine Schulung (kaufmänn. Weiterbildung), vom Arbeitsamt aufgedonnert. Ist sehr anstrengend, aber ich komme raus unter Leute. Wohnen kann ich in meinem Provisorium noch bis September. Was wirklich schwer ist, sind die Eltern. Will mich aber gar nicht weiter darüber auslassen heute. Ist nicht schön. Vielleicht schreib ich demnächst mal wieder einen Bericht.
    Ich folge jetzt deinem Blog. Drück Dich doll!!!!!

  7. zwillingswelt schreibt:

    Hallo Liebe! Wünsche Dir eine erholsame Auszeit. Könnte mir auch gefallen….
    Ich schreibe halt viel in mein Tagebuch, scheue aber einfach vor dem „öffentlichen“ Auskotzen. Ist einfach zuviel, und irgendwie kann ich es schon selber nicht mehr hören. Mal sehen….
    Drück Dich !!!!!!!

    • The One schreibt:

      Danke – ich geniesse es sehr, obwohl es regnet. Heute war ich mit der Vermieterin einkaufen, da sie kein Auto hat und ihr Arm entzündet ist und es ausserdem regnet.

      Ich finde es wichtig, dass du es rauslässt, muss ja nicht öffentlich sein.

      Die Schulung finde ich gut – auch wenns anstrengend ist. Hast du schon ne neue Unterkunft in Aussicht?

      Drücke dich auch!!!

  8. zwillingswelt schreibt:

    Heute hat sich geklärt, daß ich noch bis Sommer nächsten Jahres hier bleiben kann. Es ist zwar alles etwas provisorisch, aber auch schön, und mir nimmt es eine Menge Druck weg, daß ich in der so ungewissen Situation mit meinen Eltern und dem Arbeiten nicht auch noch umziehen muss.

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