Das graue Zimmer

Depressionen waren/sind in meiner Familie immer ein großes (Tabu)-Thema gewesen. Diese und psychosomatische Störungen wie Angst/Panik, Herzbeschwerden und Migräne zeigten sich vorwiegend im weiblichen Teil der väterlichen Linie. Allerdings war ich die erste (und bis auf eine Zweite, die auch mal, nach einer Krise in einer Psychosomatik war) die einzige Person in der Familie, die das Ganze mittels Therapien über Jahrzehnte bearbeitet hat. Für manche wurde ich dadurch zu ihrem „blinden Fleck“, da ich auf Dinge hinwies, oder sie lebte, die sie nicht sehen wollten/konnten, was leider auch Abwehr hervorrief und immer noch ruft, die sich jahrelang aufgebaut hat.

Ich bin nur froh, daß ich meine Depressionen (ich nannte sie immer Das Graue Zimmer) im Laufe der Jahre umwandeln konnte, zurück zu den verlorenen, unterdrückten Gefühlen, die ich nie zu fühlen wagte. Ein langer Weg, den ich immer noch gehe, und letztlich bin ich glücklich, was ich daraus lernen konnte (Und daß ich es überlebt habe…).

Nun hat meine Mama ihr eigenes graues Zimmer. Immer öfter in den letzten Monaten, und vor allem in den letzten Wochen ist ihr Gesicht schon am morgen so ernst, als hätte sie nie Glück gekannt. Leider hat sie, obwohl sie es sicher noch nötiger gehabt hätte als ich, niemals Hilfen von Aussen (schon gar nix mit Psycho) wahrgenommen, denn sie hat es strikt abgelehnt, irgendetwas aus ihrem Leben noch mal anzuschauen und hat mich wegen meinen ersten Therapien ein Jahr lang nicht sehen wollen. (Leider ein schlimmes Kindheits-Trauma als Hintergrund). Sie verlagert es nach Aussen und projiziert es auf meinen Vater, denn sie hat niemals gelernt, die verlorenen, unterdrückten Gefühle anzuschauen, und die Angst vor ihnen zu verlieren und hat kein Bewusstsein dafür, was mit ihr geschieht, woran die Demenz ihr übriges tut.

Die Schwere und Trauer weht durchs Haus, und es ist kaum zu glauben, daß wir vor einer Woche noch so herzlich miteinander gelacht haben.

Natürlich erinnere ich mich an meine Depressionen, und kann zumindest zum Teil verstehen, wie Scheisse sich meine Mutter fühlen muss, und es tut mir in der Seele weh, daß ich ihr so wenig helfen kann in diesen Momenten, wenn alles grau ist. Natürlich muss ich mich selbst gerade gut schützen, und muss schon aufpassen, daß ich nicht in diesen traurigen Sog hineingerate. Zum Glück erinnere ich mich auch an meine Therapien und all die hilfreichen Dinge, mit denen ich mittlerweile immer wieder mein Gleichgewicht finden kann.

Mein Vater scheint sehr langsam zu beginnen, die neue Realität zu begreifen, trotzdem leidet auch er sehr, wenn meine Mutter von Scheidung redet, und daß sie ins Altersheim will und dann um 17 Uhr ins Bett geht. Und daß sie am nächsten Tag wieder allerliebst und klar erscheinen kann. Er scheint sich etwas besser an das Wechselbad zu „gewöhnen“, etwas leichter „umswitchen“ zu können. Und er sieht alles immer realistischer, und ist inzwischen auch bereit, sich mit mir zusammen nach Hilfe umzusehen.

Das ist gut so, denn irgendwie verändert es sich gerade immer gravierender und auch schneller, und damit können wir bald nicht mehr allein mit ihr bleiben.

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