Zurück im Schaukelschiff

So was wie einen richtigen Alltag gibt es hier nicht. Höchstens vage gekennzeichnet durch den Rahmen „Arbeitswoche“ oder „Wochenende“ schwanken wir hier, mal sehr fröhlich, mal sehr schwer und schmerzlich durch die Tage.

Gestern war es ein guter Tag, der Geburtstag meiner Mutter. Das Telefon läutete den ganzen Tag, und während sie mit alten Freunden und Bekannten telefonierte, zauberten mein Vater und ich eine schöne Kaffeetafel mit Blumen und Kuchen und allem was dazugehört, und die großen Augen meiner Mutter, als sie den fertig gedeckten Tisch sah, ist nur eine der vielen, schönen Erinnerungen an einen gelungenen Tag.

Das mittägliche Essen im Restaurant und den Nachmittagskaffee verbrachten wir mit den ältesten Freunden meiner Eltern, und vor allem beim Kaffee wurde richtig viel gelacht, bis hin zu Tränen in den Augen und wehem Bauch, und das hatten wir hier schon lange nicht mehr, und hat allen unendlich gut getan.

Dennoch, es ist ein unheimlich schmaler Grat, auf dem wir wandern, ein bißchen zuviel Input, und sei es auch ein Schöner, ist für sie schon sehr anstrengend und bringt sie leicht zum Kippen in ihre dunkle Stimmung, und andere Familienmitglieder, die heute kommen wollten, mussten wieder ausgeladen werden.

Eine ziemlich unangenehme Seite meiner Mutter kommt jetzt öfter ans Licht. Auch früher schon hatte sie diesen Zug, nach Außen hin immer lieb und nett zu Jedermann zu sein, jegliche Konflikte zu scheuen und  nie wirklich offen zu sagen, was sie denkt. All das, was sie früher dabei unterdrückt hat, kommt jetzt, wenn sie ihre Stimmungen hat, heraus, und es sind keine Nettigkeiten mehr, der Sohn wird als Dieb bezeichnet, die Freundin des Enkels als „Fette“, der Enkel will nur Geld, etc.

Das ist manchmal sehr schmerzlich, vor allem für meinen Vater, der ein wohlwollender, toleranter Mensch ist, jedoch keinen Widerspruch und keine Diskussion mehr wagt, da er die Auswirkungen am direktesten im täglichen Zusammensein abkriegt und sehr darunter leidet. Mir, als scheinbare Diplomatin der Familie, obliegt es, die Betreffenden zu beschwichtigen (schon an Weihnachten wollte sie niemanden im Haus haben) und zu erklären, und Stress von meinen Eltern fernzuhalten, was mir auch nicht immer gelingt, und was mich nach und nach in eine Rolle bringt, die mir etwas unangenehm ist, denn ich bin nun immer „das liebe Kind“, (meine Mutter hat mich gestern ca. 5x gedrückt und mir gesagt, daß sie so froh ist, daß ich da bin), und das erweckt bei anderen Familienmitgliedern leider negative Gefühle mir gegenüber, was mich traurig macht. Dabei bin ich halt einfach vor Ort, nahe dran, versuche, zu tun, was getan werden muss, und hätte eigentlich gar nichts gegen ein bißchen mehr Unterstützung.

Ich bin aber bei Allem froh, daß ich, nach dem intensiven Urlaub, mit mir selber gut bin und es mir viel besser gelingt, meinen Freiraum zu leben, und auch, nach einigen sehr schmerzhaften und erkenntnissreichen Tagen letzte Woche, einiges von dem, was gut wäre, aber nicht IST, loszulassen und meinen eigenen Weg zu suchen.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Zurück im Schaukelschiff

  1. bikisabbat schreibt:

    Ich wünsche dir alles alles Gute!

  2. meertau schreibt:

    puh…. das ist wirklich ein schwieriger Weg, den Du da gewählt hast. Hochachtung, Chapeau, Knicks und Kräftchen schickend

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s