Das Vergessen

ist eine seltsame Sache.

Seitdem ich nun hautnah mit dem Thema „Demenz“ konfrontiert bin, habe ich mir Gedanken gemacht, wie sich meine Mutter wohl fühlen muss. Bzw. habe versucht, mich reinzufühlen.
Das kennt sicher jeder: Man geht los, um etwas zu holen, und nach ein paar Schritten hat man plötzlich vergessen, was man holen wollte. Oder man hat geträumt, erinnert sich aber nur undeutlich und sinnt den halben Tag angestrengt nach den Traumbildern.
Für mich fühlt sich das immer etwas unheimlich an, so als würde mein Geist etwas vor mir verbergen wollen, als wäre da ein Bereich in mir, an den ich nicht gelangen kann.
So, nur unglaublich potenziert, muss sich meine Mutter fühlen, und seitdem ich in ihrer Nähe lebe, und sie an den verschiedenen (guten oder schlechten) Tagen beobachte, entwickle ich ein größeres Verständnis für ihre Situation.
Das muss schrecklich sein, wenn man ständig vergisst, wenn man nichts mehr findet, dauernd am Suchen ist. Meine Mutter ist, im Gegensatz zu meinem Vater, der immer eine peinliche, sauber organisierte Ordnung in seinen Sachen hatte (alles beschriftet und nach Kategorien geordnet), eher unorganisiert. Sie ist nicht unordentlich, hat aber ein eher laxes System, sie tut ihre Sachen dahin, wo Platz ist, (genau wie ich). Das war in Ordnung, als sie noch genau wusste, wo sie etwas hingepackt hatte. Doch inzwischen verbringt sie manchmal ganze Nachmittage damit, etwas zu suchen. Das Schlimme dabei ist, daß sie, während sie sucht, so schnell wieder vergisst, wo sie schon gesucht hat, und auch, was sie sucht, so daß sie irgendwann vielleicht nur noch weiß, daß sie etwas sucht. Sie wirkt dann getrieben, und manchmal wütend, und ich denke, daß sie in solchen Momenten entsetzt ist, weil sie sich einfach nicht vorstellen kann, daß sie alles vergessen haben soll. Ein Ausweg, für sie eine logisch erscheinende Lösung, die sie besser akzeptieren kann, um wieder etwas Seelenfrieden zu finden, scheint es manchmal zu sein, daß jemand die vermissten Sachen genommen hat.

An manchen, sanfteren Tagen, sagt sie oft „ Das hab ich vergessen, Du weisst doch, mein Köpfchen…“ und manchmal stellt sie mir 5x hintereinander dieselbe Frage.
Neulich hatten wir von Kinderkrankheiten gesprochen und es war ein erschütterndes Gefühl, zu realisieren, daß sich meine Mutter nicht mehr an meine Kindheit erinnert. Doch an andere Begebenheiten (wie z.B. Urlaube) kann sie sich noch exakt inclusive Ortsnamen und Namen von Mitreisenden erinnern.
Als mein Vater noch mit ihr allein lebte, hat er es deshalb lange nicht verstanden, sie abzuholen, da wo sie ist. Er sagte oft. „Das hast Du jetzt schon 3x gesagt!“, wurde ungeduldig, worauf sie sehr schnell beleidigt wurde und sich in sich zurückzog. Inzwischen versteht er besser, daß er sich nun auf sie einstellen muss, geduldiger werden muss und damit viel Reibung und Stress (für Beide) vermeiden kann. Ich glaube, er guckt sich das ein wenig von mir ab, da ich meiner Mutter intuitiv geduldig und beruhigend begegne, und mir es leichter fällt, auf Logik zu verzichten. Für meinen, durch und durch logisch denkenden Vater eine große Herausforderung.

Es wird immer mehr darauf hinauslaufen, im Moment mit ihr zu leben, und ihr in ihrem Jetzt zu begegnen. Und zu versuchen, dieses Jetzt zu einem Schönen zu machen.

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2 Antworten zu Das Vergessen

  1. Nici schreibt:

    Es ist gut zu lesen, dass es eine erhebliche Schnittmenge zwischen Selbstvertrauen und Akzeptanz eines ganz und gar befremdlichen Wesenszugs eines Menschen gibt, mit dem man sich grundsätzlich vereint fühlt.

  2. zwillingswelt schreibt:

    Schön, Dich hier zu lesen!
    In der Pubertät war das noch ganz anders 😉 Ich glaube, so nahe am Leben meiner Eltern war ich noch nie, und weil ich es jetzt nicht mehr aus Kinderaugen betrachte, kann ICH mitgehen und verstehen. Ist aber auch ein Lernprozess, der einem immer wieder Neues abfordert….

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