Zwangspause

Das Thema Kranksein ist in unserer Familie immer eine seltsame Sache gewesen.

Ich kann mich nur selten von meiner Kindheit her erinnern, daß meine Eltern krank waren, und wenn, dann waren sie eher schlecht gelaunt und haben ihr Befinden mit einer gewissen Verachtung heruntergespielt. Wenn wir Kinder krank waren, so war meine Mutter schon sehr fürsorglich, krank war man in ihren Augen jedoch erst mit hohem Fieber, und da ich ein Mensch bin, der selten Fieber bekommt, setzte früh bei mir ein Schuldgefühl ein, wenn es mir schlecht ging. Vor allem später, als meine psychischen Probleme begannen, erntete ich leider zu oft ein „Stell-Dich-nicht-so-an“, was dazu führte, das ich mich eine ganze Weile chronisch schwach fühlte, und mich gleichzeitig dafür schämte. Das war eine schlimme Zeit, weil ich Respekt für mich erhoffte, aber durch die fortwährend vorgelebte Schwäche gerade meine Eltern keinen Respekt für mich empfinden konnten.

Heilsam waren in dieser Beziehung für mich die letzten 6 Jahre, in denen ich, zwar im selben Dorf, aber in einer eigenen Wohnung lebte, und lernte, mich von meinen Eltern zurückzuziehen, wenn ich mich schwach fühlte, kein Verständnis von ihnen zu erhoffen und ihnen nur stark und agil begegnete.

Anfang der Woche nun erwischte mich die Grippe so heftig, wie seit Jahren nicht mehr (was Wunder nach den letzten Monaten, in denen ich funktionieren musste), und, wie es bei so einer Krankheit bei mir immer ist, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich bin es seit langem gewöhnt, meistens alleine zu sein, wenn ich krank bin, und wusste gar nicht, wie ich meinen Eltern begegnen soll. Das alte Gefühl der Scham kam wieder hoch, und der Gedanke, daß mich meine Eltern ablehnen, wenn sie mich wieder so schwach sehen.

Glücklicherweise konnte ich dieses Gefühl alleine mit mir ausmachen, und damit hinter mir lassen. Meine Eltern zeigen sich sehr fürsorglich, haben aber auch gesehen, daß ich mich weitestgehend ganz gut alleine versorgen kann, und sie somit keinen Stress haben, und diese Mischung erweist sich als sehr angenehm, und Stück für Stück entspanne ich mich.

Im Nachinein betrachtet, war es typisch, daß ich jetzt krank wurde. Ich hatte gerade das letzte wichtige Schreiben (Strom kündigen) weggeschickt. Ist bei mir immer so, wenn es nötig ist, dann funktioniere ich, bis alles Wichtige getan ist, und dann fall ich um. Ich war so fertig, daß ich mich nicht mehr entspannen konnte und mein Speicher war so leer, daß ich Mittags schon wieder todmüde war. Mein Körper hat nun seine Regenerierung selbst in die Hand genommen, ich habe sehr viel geschlafen und so langsam das Gefühl, daß meine hinterherhinkende Seele wieder etwas aufholen kann.

Es ist ein schönes Gefühl, wenn sich ein altes Muster auflöst.

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