Gedanken zu einem langsamen Abschied

Wie kann man damit umgehen, wenn der Mensch, der einen geboren hat, langsam den Verstand verliert? Ich lebe jetzt seit fast 3 Wochen im Haus. Früher war ich 2-3 mal die Woche zu Besuch, da hat man viel weniger mitbekommen, aber nun begreife ich so langsam erst, was mein Vater vor allem im letzten Jahr hier schon durchstehen musste. Es gibt Tage, da merkt man es kaum, sie vergisst halt einiges, sie weiß es, aber es stört sie nicht weiter. Sie lebt den Moment, lacht und scherzt und ist entspannt. An manchen Tagen ist ihr schwindelig (So wie heute morgen) und danach verhält sie sich oft seltsam, räumt und sucht fast zwanghaft im Haus herum, und da sie schon früher keine akribische Ordnung hielt, findet sie nun manchmal überhaupt nichts mehr und das scheint sie zu quälen und umzutreiben. Manchmal verdächtigt sie dann auch andere Familienmitglieder, sie hätten das was sie sucht, weggenommen. Das hatte sie in den letzten Jahren immer mal gemacht, aber nun passiert es fast jede Woche.  Letzte Woche Handtücher, diese Woche Silberlöffel. Ich versuche, ihr validierend zu begegnen, sie ernst zu nehmen (Suchen helfen etc.), sie immer von da wo sie ist, abzuholen, was auch oft gelingt. Auch mein Vater, mit dem ich mich immer mehr bespreche, versteht langsam, daß er nicht mehr wie gewohnt mit ihr sprechen kann, was ihm sehr viel schwerer fallen muss, als mir. Es macht so traurig, sie so zu sehen. Und auch zu sehen, wie traurig es meinen Vater macht.

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2 Antworten zu Gedanken zu einem langsamen Abschied

  1. meertau schreibt:

    In irgendeinem uralten Fachartikel habe ich mal vom „uneindeutigen Abschied“ gelesen und wie schwierig dies (im Vergleich zu Todesfällen) für die Angehörigen ist. Mir saust dieser Begriff immer noch im Kopf herum, weil ich ihn so treffend finde.
    Es ist ein u.U. sehr langsamer Abschied, der keine klare Grenze hat. Bis auf die letzte halt.
    Gut, dass sie euch noch erkennt. Noch seid ihr zusammen. Aber das langsame Entschwinden ist schwer für die anderen.

  2. zwillingswelt schreibt:

    Ich bin froh, daß ich jetzt eingezogen bin, wo sie mich noch erkennt. Die Namen ihrer besten Freunde weiß sie manchmal schon nicht mehr, und vieles aus unserer gemeinsamen Vergangenheit ist weg, (wofür ich bei manchen Dingen sehr dankbar bin). Doch wenn sie mich sieht, lächelt sie und neben den traurigen Momenten gibt es viele wunderschöne und anrührende, und ich bin froh, hier zu sein.

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